LMB-Jahrestagung am 18. November 2010
Fotografie im Museum

Der Vorstand des Landesverbandes der Museen Berlin hatte für seine auf den 18. November 2010 in der Berlinischen Galerie angesetzte Jahrestagung seine seit 1993 offiziell bestehende Fachgruppe Fotografie mit der inhaltlichen Ausrichtung betraut. Die Arbeit der Fachgruppe vorzustellen, vor allem aber der ausdrückliche Wunsch, Fragen des nachhaltigen Umgangs mit Fotografie im Museum zu thematisieren, traf unsere Intentionen, so dass wir dem gern nachkamen und die Gelegenheit nutzten, relevante Themen verstärkt ins Bewusstsein der LMB-Mitglieder – das sind in der Regel die Direktoren der Museen – zu rufen. Der Landesverband der Museen zu Berlin gestaltet seine praktische Arbeit, die Kontakte und die Vernetzung der Institutionen vielfach über seine Fachgruppen. Seit 1993 existiert die Fachgruppe Fotografie mit inzwischen beinahe 150 Mitgliedern.
Nahezu alle Berliner und einige Brandenburger Museen, zahlreiche Archive und Bibliotheken sowie die Hochschule für Technik und Wirtschaft mit den Studiengängen Museumskunde am Fachbereich Gestaltung und Restaurierung / Audiovisuelles und Fotografisches Kulturgut sind mit ihren Fotokuratoren, Archivaren, Registratoren, Dozenten, Restauratoren oder Fotografen vertreten. Viele von ihnen nahmen an der Jahrestagung teil. Die inhaltlichen Schwerpunkte, die mit Themen wie Erfassung, Erschließung, Bewahrung und Nutzung fotografischer Sammlungsbestände umrissen sind, wurden unter den Titel „Fotografie im Museum. Nachhaltiger museologischer Umgang mit Fotografien“ gestellt. Die Tagung begann mit einem Bericht zur Arbeit der Fachgruppe Fotografie in den vergangenen Jahren.
Norbert Ludwig (bpk – Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte), selbst seit vielen Jahren Sprecher der Fachgruppe, sprach über Geschichte, Aufgaben und Vernetzung. Er verwies darauf, wie sich die Fachgruppe seit 1991 aus einer Gruppe von ca. 50 Mitarbeitern öffentlicher Sammlungen zu der heutigen Fachgruppe mit ca.150 Mitgliedern, darunter vielen freiberuflichen Restauratoren, Wissenschaftlern etc., entwickelt hat. Gründungziele waren die Stärkung der Akzeptanz der Fotografie als Sammlungsgegenstand in Museen und Archiven und ein breiter und offener Informationsaustausch aller Beteiligten über alle damit verbundenen konservatorischen, technischen, rechtlichen und inhaltlichen Fragen.

Im Zentrum der vielfältigen Aktivitäten stehen denn auch heute noch in erster Linie Besuche aktueller Fotoausstellungen, die Durchführung von Workshops sowie seit einigen Jahren die Teilnahme mit „Meeting Point“ und Kolloquium am „Monat der Fotografie“. Neu hinzugekommen und in Zukunft verstärkt zu berücksichtigen ist die digitale Fotografie mitsamt ihrer speziellen Problematik. (Norbert Ludwig: Die Fachgruppe Fotografie im Landesverband der Museen zu Berlin. Ihre Geschichte, ihre Aufgabe und ihre Vernetzung) Irene Ziehe (Museum Europäischer Kulturen – SMB), ebenfalls seit vielen Jahren als Sprecherin tätig, stellte anhand einiger Beispiele die Vielfalt der in der Gruppe vertretenen Sammlungen vor. Das Interessante, das auch den Zusammenschluss zu einem Gremium zu etwas produktivem werden lässt, das über die Summe der beteiligten Einrichtungen hinaus geht, liegt in den unterschiedlichen Qualitäten der Sammlungen. Sie reichen von privaten Alltagsfotos, Objektaufnahmen und technischen Detailansichten über ethnografische, topografische und kulturhistorische Belege bis hin zu künstlerischer Fotografie.
Jedes Haus kann auf Bestände blicken, die speziell und einmalig sind und zusammen in seltener Qualität und regionaler Konzentration eine Anthologie der Geschichte, Funktionen und Formen von Fotografie darstellen: quasi als ideelles Gesamtarchiv des Mediums. (Einen guten Überblick vermittelt die Publikation: Fachgruppe Fotografie im Landesverband der Museen zu Berlin (Hg.), Fotografie in Berlin. Museen - Archive - Bibliotheken, Berlin o. J.) An dieser Stelle wurde jedoch v.a. auf die vielfältigen Probleme, die nachhaltige Bewahrung von fotografischen Objekten betreffend, hingewiesen. Gerade die Einmaligkeit der Sammlungen, die sie zu bewahrenswertem Kulturgut macht, erfordert ein stärkeres Augenmerk auf konservatorische und restauratorische Belange.

Solche Probleme offen zu benennen, um gemeinsam als Fachgruppe des LMB offensiv nach Lösungen zu suchen, sei es durch unbürokratische fachliche Unterstützung und Ratschläge, durch Erfahrungsaustausch und enge Kooperation, sei es aber auch durch Mobilisierung aller (gemeinsamen) Kräfte und das Einbringen des (gemeinsamen) Erfahrungsschatzes und Wissens in eine öffentliche Debatte um die Notwendigkeit der Bewahrung von Kulturgut. Verschiedene überinstitutionelle Aktivitäten wurden benannt, die in diese Richtung weisen – und hier wird zukünftig auch ein Schwerpunkt der Arbeit liegen. Ebenso wurden die erfolgreichen Veranstaltungen und Tagungen im Rahmen der bislang vier Europäischen Monate der Fotografie angeführt. Die Kooperation mit verschiedenen Gremien führt zu einer über die Einzelinteressen hinausgehenden Qualität der Arbeit. (Irene Ziehe: Zu den fotografischen Sammlungen in Berlin. Bestände und überinstitutionelle Aktivitäten) Eine enge Zusammenarbeit verbindet die Museen mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), wird doch hier der kompetente Nachwuchs für die Betreuung unserer Sammlungen ausgebildet.
Sibylle Einholz, Professorin im Fach Museumskunde, sprach über sachgerechte Erfassung, Bewahrung und Erschließung, wie sie im Studiengang als Bestandteil der Museologenausbildung gelehrt werden. Sie beschrieb die veränderte Situation nach dem Übergang vom Diplom- zum Bachelor-Programm. Die Fachvertiefung „Fotografische Sammlungen“, die es seit vielen Jahren den Studierenden ermöglicht, Einblick in ein spezifisches Fachgebiet zu erlangen, ist nun in mehreren Modulen verankert. Die Unterrichtseinheiten setzen sich aus Teilen der Module „Inventarisation & Dokumentation“ im 1. und 2. Semester, zwei möglichen Praxisprojekten im 3. und 4. Semester und dem Schwerpunkt „Fotografische Sammlungen 1 und 2“ im 5. und 6. Semester zusammen. Forschungsprojekte zu ausgewählten fotografischen Beständen ergänzen die Ausbildung, der sich regelmäßig Abschlussarbeiten zu fotografischen Themen anschließen.
Nicht nur Berliner Sammlungen waren bislang Ausgangspunkt der Abschlussarbeiten. Sibylle Einholz stellte als neuestes Projekt die Bearbeitung historischer Glasdiapositive – u.a. der Firma Dr. Franz Stoedtner – aus der Zeit um/nach 1900 im Bestand des Archives des Fachbereichs Gestaltung vor. (Sibylle Einholz: Für eine sachgerechte Erfassung, Bewahrung und Erschließung. Umgang mit Fotografie als Bestandteil der Museologenausbildung) Neben Inventarisierung, Katalogisierung, Erschließung und Aufbewahrung werden an der HTW auch restauratorische Belange erforscht und gelehrt. Darüber berichtete Diplomrestauratorin Kerstin Bartels, die seit drei Jahren die Vertretungsprofessur an der HTW Berlin im Schwerpunkt „Restaurierung Audiovisuelles und Fotografisches Kulturgut“ ausfüllt. Sie beschrieb in eindrücklichen Worten die aktuelle Situation von Restauratoren für audiovisuelles und fotografisches Kulturgut in Berlin. Momentan gibt es zwei Restauratoren in fester Anstellung, zwei Restauratoren arbeiten als Freiberufliche in öffentlichen Einrichtungen, und fünf Restauratoren sind in privaten Werkstätten tätig. Der Grund dafür liegt keineswegs an mangelndem Bedarf an Fachkräften, im Gegenteil: die Hochschule erhält monatlich im Durchschnitt zehn Projektanfragen aus dem In- und Ausland. Daher stellte die Referentin stellte zum Schluss ihres Vortrages drei markante Fragen zur Diskussion, die sehr wohl auch als Appell zu verstehen sind:

  1. Warum entstehen nicht mehr Stellen in Deutschland?
  2. Werden Fotografien, Filme und Tondokumente nicht als Kulturgut angesehen? 
  3. Wo setzen wir an? Wo können diese Stellen eingefordert werden?

Schließlich erschien uns im Zusammenhang mit Fragen der Nachhaltigkeit auch das Thema der Dokumentation und Digitalisierung im Zusammenhang mit Fragen der Langzeiterhaltung und Bestandserschließung wesentlich. Stefan Rohde-Enslin (Institut für Museumsforschung – SMB) beschrieb die Situation der Sammlungsdokumentation historischer Fotografien in allen Kultureinrichtungen Deutschlands.
Der Stand der Dokumentation und Digitalisierung könnte unterschiedlicher nicht sein. In den verschiedenen Einrichtungen gibt es sehr verschiedene Ansprüche und Möglichkeiten, weshalb notwendigerweise sehr verschieden dokumentiert, digitalisiert und erschlossen wird. Allgemeingültige Regeln für Dokumentation, Digitalisierung und Erschließung können und dürfen nur daher ganz allgemein sein. Als Ausgangspunkt für das Aufstellen solcher Regeln wurde auf die Frage der Langzeitarchivierung verwiesen. Die Frage, was denn überhaupt ins „Langzeitarchiv“ kommen soll, bestimmt, was und wie digitalisiert werden sollte. Auch die Dokumentation und die Erschließung sind so zu gestalten, dass sie gleichfalls wert sind, für lange Zeit archiviert zu werden. In jeder Einrichtung sollte – so das Fazit des Vortrages – genau bedacht und unbedingt schriftlich festgehalten werden, wie bei Dokumentation, Digitalisierung, Langzeiterhaltung und Erschließung verfahren wird. Eigenes „Bedenken und Festhalten“ ist erfolgversprechender als die Suche nach fremden „Empfehlungen und Regeln“. (Stefan Rohde-Enslin: Dokumentation und Digitalisierung. Langzeiterhaltung und Bestandserschließung)

Aus den Referaten wurde ersichtlich, dass die Arbeit der Fachgruppe Fotografie in den vergangenen fast 20 Jahren viele Früchte getragen hat. Daraus folgt zugleich, dass es immer auch noch viel zu tun gibt. Die wichtige Frage nach Bestandssicherung, -erhaltung und -restaurierung wird uns in nächster Zeit vorrangig beschäftigen. Denn wenn man bedenkt, dass in ganz Deutschland zur Zeit etwa zehn Restauratoren in festen Positionen arbeiten, von den an der HTW seit 1995 ausgebildeten 35 Restauratoren acht in Deutschland geblieben und alle anderen ins Ausland (oder in andere Berufe???) abgewandert sind – klafft angesichts der in der Datensammlung fotoerbe.de versammelten 150 Millionen Objekte eine erhebliche Disproportion. Es gäbe also mehr als genug zu tun! Daher war es gut, dass Fragen des nachhaltigen Umgangs mit Fotografie am Nachmittag auf der Mitgliederversammlung des LMB, bei der überwiegend die Direktoren vertreten waren, nochmals thematisiert wurden.
Der Landesverband der Museen zu Berlin kann weiterhin mit der aktiven und engagierten Arbeit der Fachgruppe Fotografie rechnen!

Text: Irene Ziehe, Norbert Ludwig, Regina Rousavy